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Interview mit dem blinden Hobbykoch Hans Maier

Hans Maier, Jahrgang 1971, ist Diplominformatiker, IT-Experte am Oberlandesgericht München, von Geburt an blind und Hobbykoch. Er und Manuela Schemm waren Michael Hoffmanns „Mitköche“ beim Projekt „Trust in Taste – Kochbuch für Blinde und Sehende“:

Hans, Du bist Hobbykoch. Wie war es mit einem Sternekoch wie Michael Hoffmann gemeinsam am Herd zu stehen?

Nun ja, als IT-Mensch habe ich mir früher nur geringe Gedanken über Qualität,
Zusammensetzung und Herkunft meines Essens gemacht. Die Hauptsache war, dass die Pizza in den Ofen passte und es schmeckte. Wenn ich viel Zeit hatte, habe ich Steaks oder Gemüse gekocht.
Die erste Überraschung war, wie locker Michael Hoffmann war. Dann begann das Lernen und Staunen: Es muss nicht immer die maximale Anzahl an Zutaten sein (120-Kräutermischungen, dazu noch Brühe), weniger ist mehr, weil dadurch der Geschmack des Kochguts besser raus kommt.
Außerdem erklärte er überzeugend den Umgang mit den Nahrungsmitteln und war dabei nie belehrend. Dass Geruch und Geschmack beim Kochen relevant sind, war mir klar. Völlig überrascht war ich, als wir die Garzeit der Pilze nach Gehör bewerteten.

Was glaubst Du, hat er auch von Euch etwas gelernt?

Ich denke schon: Viele Problemstellungen des alltäglichen Kochens blinder
Menschen wurden deutlich: Wie gehe ich mit Maßeinheiten um, wenn mal keine
sprechende Waage vorhanden ist? Wie stelle ich sicher, dass die Zwiebel geschält ist? Wann ist das Fleisch richtig? Ich war mir nach dem Abend sicher, dass jeder metwas mitnehmen konnte.
Für einen Sehenden ist es unvorstellbar, dass Blinde selbst und alleine kochen.

Wie muss ich mir das vorstellen, wenn Du alleine zu Hause für Familie und Freunde kochst?

Ich bereite Essen zu und stelle es im Anschluss auf den Tisch. Danach beginne ich, die Küche zu renovieren ;-) Im Ernst: Ich bereite die Zutaten vor. Dabei vermeide ich komplizierte Sachen wie zum Beispiel etwa Ei-Schnee. Salat bereite ich mit Unterstützung zu. Gelegentliche braune Stellen reduzieren zwar nicht zwingend den Geschmack aber sicher den visuellen Genuss. Bei Braten und Soße delegiere ich die Aufgabe der Aufteilung und der Portionierung auch gern an die Gäste. Falls das nicht geht, bereite ich Mahlzeiten zu, die kalt portionierbar sind also etwa Fleischscheiben statt ein großes Bratenstück, das dann heiß aufzuschneiden ist.

Was ist der größte Unterschied, wenn ein blinderoder ein sehender Mensch kocht?

Der Sehende verlässt sich zum größten Teil auf seine visuellen Reize, ein Blinder auf Geruch, Geschmack und – jetzt auch Gehör. Das Resultat kann bei beiden toll sein oder auch ein Flop.
Blinde und sehbehinderte Menschen haben einen ausgeprägten Hörsinn. Trifft das auch auf den Geschmackssinn zu?

Schmeckt Ihr mehr, intensiver und besser?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil mir der Vergleich fehlt. Ich bin
überzeugt, dass Geschmacks- und Geruchssinn geschult werden können. Generell können sich Blinde besser auf die Restsinne konzentrieren, weil das Gehirn nicht ständig mit der Verarbeitung von visuellen Reizen beschäftigt ist.

Was war für Dich im Rahmen der Entstehung des Kochbuches das spannendste
Erlebnis?


Ich bin begeistert, dass ich bei der Entstehung des Kochbuchs mithelfen durfte. Es war alles spannend: Da war die erste Idee von Justina Hoegerl, deren
Ausgangsgedanke es war, Gleichberechtigung beim Kochen herzustellen und zwar nicht zwischen Mann und Frau, sondern zwischen Blinden und Sehenden. Dann ging es um technische Fragen des Kochens: Kannst Du kochen und wenn ja, wie? Natürlich wollte ich mich nicht blamieren beim Vorkochen, hat aber geklappt. Das Highlight war, mit Michael Hoffmann zusammen die Küche von Justina zu testen. Und schließlich all die vielen kreativen Menschen kennenzulernen, die an der Entstehung des Buches beteiligt sind.